Open Banking Blog 6: Fundamentale Entscheidungen der Banken zur Rolle in der digitalen Wertschöpfungskette

Diese Blogreihe basiert auf einem Information Paper “Understanding the business relevance of Open APIs and Open Banking for banks“, das Innopay in enger Zusammenarbeit mit der EBA Association erstellt hat. Das vollständige Dokument ist unter folgendem Link in englischer Sprache abrufbar. (Link)

Bei der Erweiterung des Konzepts „API als Drehpunkt“, werden Entscheidungsträger von traditionellen Instituten mit zwei fundamentalen Strategiefragen konfrontiert:

  1. Wer verteilt meine Produkte, welche ich über meine API zugänglich mache, an existierende und neue Kunden?
  2. Wer entwickelt die Produkte, die ich meinem eigenen Kundenstamm zuteile?

Anhand von diesen zwei Fragen, können die vier unten dargestellten, allgemeinen Rollen in der Finanzwertschöpfungskette definiert werden: Integrator, Produzent, Verteiler und Plattform.

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Die meisten größeren Finanzinstitute haben schon die erste, zweite und dritte (Integrator, Produzent und Verteiler) Rolle gleichzeitig verinnerlicht, wobei sich die vierte Rolle (Plattform) noch im Anfangsstadium der Entwicklung befindet.

 

Rolle 1: Integrator

Wie unten in der Abbildung dargestellt, wird bei dieser Rolle das Kundenangebot von einer einzigen Partei entwickelt und verteilt.

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Als Resultat werden Vertrieb und Produkt unter einem Markennamen angeboten und die ‘User Experience’ vollständig von der Bank kontrolliert. Derzeit vertreten die meisten Banken die Rolle des Integrators, da sie die Kontrolle über die ganze Wertschöpfungskette haben und das schon seit der Frühphase des Internets auf diese Weise gesteuert haben. So werden z.B. Kontodaten und Zahlungsdienstleistungen über die online und mobilen Kanäle der Bank an den Kunden gebracht.

Die Rolle des Integrators existiert auch außerhalb der finanziellen Dienstleistungsindustrie, wie z.B. im Bereich des Einzelhandels: The Body Shop und Nespresso sind Beispiele für Organisationen, die als Integratoren mit ihren eigenen Verteilerkanälen und Markennamen in der Wertschöpfungskette des Einzelhandels tätig sind.

Rolle 2: Produzent 

Bei dieser Rolle wird das Angebot an den Kunden durch minimal zwei Parteien geschaffen. Die Bank entwickelt den Service, während eine externe Partei (z.B. traditionelle Kanäle oder ‘FinTechs’) den Service unter die Verbraucher bringt, die oft auch Kunde der Bank ist. Die meisten Beispiele aus Tabelle 2 fallen unter diese Kategorie. Es ist zu beachten, dass die Rolle des Produzenten für bestimmte Produkte und Geschäftszweige funktioniert und dass andere Produktkategorien mithilfe des Integrator- und Verteiler-Modells realisiert werden können.

Wenn es um die Schließung von Partnerschaften geht, könnten die Kundenbesitzstruktur und das Branding schwierige Herausforderungen für die beteiligten Parteien sein. Das gilt insbesondere für ‘FinTechs’, welche sich oft an die End-Verbraucher richten. Manche ‘FinTechs’ können als innovative IT Providers betrachtet werden dadurch fällt die Kundenbesitzstruktur in die Hände der Bank. In diesem Fall verinnerlichen Banken nicht die Rolle des Produzenten, sondern des Verteilers (siehe nächstes Kapitel).

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Die PSD2 ‘Access-to-Account’ Vorschriften heben die Rolle des Produzenten hervor, da Banken sich öffnen und von der Rolle des Integrators zur Rolle des Produzenten übergehen, insbesondere in Bezug auf Kontodaten und ‘Payment Initiation’-Services. Während die meisten größeren Banken an einer Kollaborationsstrategie mit ‘FinTechs’ arbeiten, sind manch andere Banken weniger dazu geneigt die Rolle des Produzenten zu übernehmen. Zusätzliche Einnahmen und Innovation erscheinen attraktiv, aber könnten auch ein erhöhtes Regulations-und Compliance-Risiko mit sich bringen.

Im ‘Business-To-Business‘-Markt ist die Rolle des Produzenten schon akzeptiert um mehr Reichweite für den Vertrieb zu schaffen. Im Allgemeinen möchte man dies mithilfe von privaten APIs für Funktionalitäten wie Datenfreigabe und ‘Payment Initiation’ erreichen. Beispiele umfassen Integrationen von bankspezifischen Funktionalitäten mit ERP (Abkürzung für eng. ‘Enterprise Resource Planning’ = Unternehmensressourcenplanung) und Buchführungssoftware-Anbietern wie SAP, Magento und Oracle.

Die Rolle des Produzenten wird heutzutage vermehrt von Banken erforscht, wie man aus einer Anzahl von durch Banken gesponserten ‘Accelerators’, ‘Incubators’, Entwicklerportalen und ‘Hackathons’ auf der ganzen Welt schließen kann. [1] Ein großer Teil ist immer noch experimentell, da die Öffnung der Banken viele Herausforderungen mit sich bringt, vor allem wenn das Geschäft weiterlaufen muss, während man sich einer Veränderung unterzieht.

‘Running The Business’ (eng. = Das Geschäft leiten) umfasst Altsysteme, ausgereifte Compliance-Funktionen, bürokratische Silos in Organisationen, ein potenzielles Reputationsrisiko und oft auseinanderlaufende, interne Meinungen, was angemessene strategische Ausrichtungen betrifft. Alle diese Elemente sind bankspezifisch und gelten noch nicht für ‘Fintechs’.

Banken liefern normalerweise Dienste, Funktionalitäten und Daten, entweder direkt oder durch ihre Partner. Das impliziert, dass Banken typischerweise die Rollen des Integrators und/oder des Produzenten tragen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie nur die Rolle eines Verteilers oder einer Plattform tragen (ohne dass sie gleichzeitig der Integrator und Produzent sind), da diese auf den Rollen des Integrators und/oder Produzenten aufbauen. Dies wird in den nächsten Abschnitten näher erläutert.

Rolle 3: Verteiler  

‘Open Banking’ Strategien können auch dabei behilflich sein, den online und mobilen Vertriebskanälen zum Durchbruch zu verhelfen, welche im Verlauf der letzten 15 Jahre eine digitale Kundenreichweite aufgebaut haben:

 

  • Im Jahr 2015 haben 47% der Bevölkerung in der Eurozone auf ‘Online Banking’ Internetseiten zugegriffen, wobei Finnland mit 86% führend ist[2];
  • Im Jahr 2013 gab es 51 Millionen ‘Mobile Banking’ Kunden in Europa (42 Millionen Kunden nutzten ihr Mobiltelefon, und 19 Million das Tablet). Laut Prognosen wird die Anzahl im Jahr 2018 auf 214 Millionen wachsen (99 Millionen Mobilfunknutzer und 115 Millionen Tablet-Nutzer) [3];
  • In den Niederlanden kontrolliert ein Drittel der Kunden ihren Kontoauszug einmal am Tag. Im Durchschnitt 3.5mal die Woche.[4]

Wenn Banken sich öffnen und andere, nicht-finanzielle ‘Service Providers’ ihre Services mit dem Zugriff auf ihre ‘Open APIs’ ergänzen, könnten Banken ihrer digitalen Marktpräsenz durch den Vertrieb von Services von Drittparteien ausweiten und somit die Rolle des Verteilers übernehmen. In dieser Rolle bietet eine Bank die Produkte einer Drittpartei über ihre eigenen Vertriebskanäle an. Das ist kein komplett neues Konzept, da Banken seit jeher Gelder von Institutionen oder Zahlungsdienstleistungen von Bezahlkartensystemen weiterleiten. Herausforderungen, welche die Kundenbesitzstruktur und das Branding betreffen, ähneln denen der Rolle des Produzenten.

Heutzutage verhalten sich ‘Fintechs’ (insbesondere ‘ Payment Service Providers’ im Bereich des ‘E-Commerce’) typischerweise als Verteiler in der Zahlungsmittelbranche, weil sie Zahlungsdienstlungen der Banken (und anderer ‘Payment Service Providers’ sowie Paypal, Klarna und Sofort) neu verpacken und vertreiben. Jedoch könnten auch Banken, gemäß der PSD2-Richtlinien, ihre Rolle als Verteiler ausweiten und selbst ein Drittpartei-Anbieter werden, indem sie ‘Account Aggregation’ und ‘Payment Initiation’ Services anbieten, die von einer oder mehreren anderen Banken oder ‘Fintechs’ verwaltet werden.

 

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Rolle 4: Plattform

Eine Plattform (als Geschäftsmodell) erleichtert die Geschäfte von anderen, indem als Intermediär auftreten wird. Es wird auch oft als ‘Peer-To-Peer’ (‘Peer’ eng. = Gleichgestellter) Geschäft bezeichnet. Als Plattform könnten Banken Dienste für die Abstimmung zwischen Parteien, Sicherheit, ‘Know-Your-Customer’ (KYC) und Datenverkehr anbieten. Es ist zu beachten, dass die Bedeutung einer Plattform als Geschäftsmodell anders ist als die in der IT-Welt, in der sich die Plattform auf die IT Infrastruktur bezieht, die allgemein zum Betrieb einer Bank benötigt wird.

Banken als Plattformen sind nicht verbreitet, obwohl Deutschlands Fodor Bank[6] ein Beispiel dafür ist. Eine Anzahl ‘Fintechs’ haben dieses Modell als Ausgangspunkt für Verleihen (Lendify, Zopa), ‘Crowdfundings’ (eng. = Gruppenfinanzierung) (Kickstarter, Ecocrowd) und Vermittlerrollen (eToto, DeGiro) verwendet.

Die Rolle der Plattform wird in der unteren Abbildung dargestellt und zeigt, dass die Bank nicht als Anbieter oder Vertreiber auftritt, sondern als Vermittler für Drittparteien und ihre Kunden. Das ‘Peer-To-Peer’ oder Plattform-Geschäft wirkt sich nicht auf die \Bankbilanz aus. Hervorzuheben ist noch einmal, dass Banken mehrere Rollen in verschiedenen Geschäftszweigen tragen können, und das gilt auch für die Rolle der Plattform.

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In dem heutigen vernetzten und digitalen Zeitalter wird die Wettbewerbsgesellschaft vermehrt durch Plattformen definiert, die transformatives Potenzial (e.g. Uber, AirBnB, iTunes) aufweisen, getreu dem Motto “build a better platform, engage a community and you will have a crucial advantage over the competition” (= baue eine bessere Plattform, beziehe eine Gemeinschaft mit ein und du wirst einen wesentlichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz haben).[7] Für die Finanzindustrie muss das Phänomen der Plattformen noch weiterentwickelt werden. Von Zahlungen und persönlichen Informationen wird erwartet, dass diese mithilfe der PSD2-Vorschriften an Zugkraft gewinnen werden, da Drittparteien sich an den Erbringungen von Diensten beteiligen können, ohne tatsächlich Bankvermögen zu besitzen.

Die vier Rollen in der Zusammenfassung

Die untere Abbildung fasst die oben beschriebenen vier Rollen in der finanziellen Wertschöpfungskette zusammen.

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Das Ergreifen einer neuen Rolle in der finanziellen Wertschöpfungskette bringt vielseitige Herausforderungen mit sich, da es Veränderungen im Geschäfts- und Betriebsmodell erfordert. Zu erwägende Kriterien, um die Stufe der strategischen Veränderung zu bewerten, umfassen Kundenloyalität, Marktversprechen, Kosteneffizienz, Innovationskultur, Arbeitgeberattraktivität, IT und Geschäftsausrichtung, verfügbare Mittel für Investitionen und eventuell Outsourcing. 

Dies ist ein Scheideweg, auf welchen jede Bank in den nächsten Jahren treffen könnte. Das minimale Engagement zur Öffnung wird in den PSD2-Richtlinien in der Form von ‘Access-To-Account’ (z.B. eine eingeschränkte Produzentenrolle) vorgeschrieben, aber der aktuelle ‘Fintech’- und Innovationsschub wirft Fragen bezüglich der Geschäftsstrategien bei der Bildung von Partnerschaften und Produktnutzen gegenüber Drittparteien auf.

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